Jörg Schindler (FR): […]Der Tag, der Noel Martin vom Leben abschnitt, hätte ein guter Tag werden können. Es war der 16. Juni 1996. Martin, ein kraftstrotzender Mann von 36 Jahren, hatte gerade seinen Job in Mahlow vor den Türen Berlins erledigt. Es war sein letzter Tag in Deutschland. Zuhause in Birmingham wartete schon seine Freundin Jacqui. Gerade hatte er noch einmal mit ihr telefoniert, da hörte er hinter sich die „Nigger“-Rufe. Die kannte er schon. Martin hatte lange genug als Verputzer in Brandenburg gearbeitet, um das karge Repertoire der Glatzköpfe zu verstehen. Affe. Neger. Nigger. Nichts Neues. Martin setzte sich in sein Auto und rauschte davon. Dann jedoch merkte er, dass ihm die beiden Neonazis folgen. Er versuchte sie abzuschütteln. Es gelang ihm nicht. Auf dem Glasower Damm hatten sie ihn eingeholt. Am Ende der Hetzjagd hörte Martin noch ein „knackendes Geräusch“. Dann riss der Film.

Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, sagten sie ihm, dass er vom Hals an abwärts gelähmt sei. Seine Verfolger hatten ihm einen Feldstein ins Auto geworfen. Martin hatte die Kontrolle über den Wagen verloren und war ungebremst gegen einen Baum gerast. Er habe Glück gehabt, sagten die Ärzte. Glück?, dachte Martin. Dann dachte er: Das wird schon. Aber es wurde nicht. […] Mehr

Schindler, Jörg: Der Unverletzbare : er empfindet keine Gefühle mehr, sagt Noel Martin ; Neonazis haben sein Leben zerstört ; er bereitet seine letzte Reise vor: zum Sterben in die Schweiz / von Jörg Schindler, 2007.
In: Frankfurter Rundschau. – 63 (2007), H. 201 [30.08.2007], S. 24-25
#15.30 SCHI 2007.0

http://www.fremdenfreundlich.de/200709%20Newsletter%2056%20%FCberregional.pdf

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