via salzburg.com: Ängstlich schaut der Mann in die Kamera. Er steht vor der weiß lackierten Eingangstür einer Holzbaracke, trägt eine schwarze Hose und ein Sakko, das an eine Dienerjacke erinnert und ihm sichtlich zu eng ist. „Erkennungsdienst. Eintritt streng verboten“ steht auf einem kleinen Schild neben der Tür. „Das auf dem Foto ist Carlos Grey Key“, sagt Stephan Matyus, Leiter des Fotoarchivs der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, das sich im siebten Stock des Innenministeriums in der Wiener Innenstadt befindet.

Key war einer der wenigen schwarzen Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Deren Schicksal wurde bisher kaum wissenschaftlich untersucht.Wie viele Menschen schwarzer Hautfarbe während der Zeit des Naziregimes und des Zweiten Weltkrieges in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert wurden, ist bis heute umstritten. „In der Fachliteratur geistert eine Zahl von rund 2.000 herum. Weiterlesen in salzburg.com

Das ist sicher zu hoch. Leider lässt sich heute nicht einmal eine ungefähre Zahl mit Sicherheit feststellen“, sagt Marianne Bechhaus-Gerst, Professorin für Afrikanistik an der Uni Köln, die sich seit Mitte der Neunziger als eine der wenigen Wissenschaftlerinnen im deutschsprachigen Raum mit dem Thema beschäftigt (unter anderem in einem Aufsatz in „TheBlackBook – Deutschlands Häutungen“, IKO Verlag).

Carlos Grey Key wurde wahrscheinlich 1942 nach Mauthausen deportiert.

Als Haftgrund wird in den Häftlingsbüchern der SS „Rotspanier“ angegeben. Gemeint waren damit die republikanischen Spanier, die während des Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 gegen die Anhänger des faschistischen Generals Francisco Franco (1939 bis 1975 Staatschef von Spanien) gekämpft hatten. Als Franco, unterstützt vom deutschen Naziregime, 1939 an die Macht kam, flüchteten rund eine halbe Million Republikaner nach Frankreich. Einer von ihnen war Carlos Grey Key. Während des Zweiten Weltkriegs schloss er sich der französischen Résistance an, der französischen Widerstandsbewegung gegen die deutsche und italienische Besatzung, und geriet in der Folge in deutsche Gefangenschaft. Geboren wurde Carlos Grey Key am 4. Juli 1913 in Barcelona. Seine Eltern stammten von der zum westafrikanischen Äquatorialguinea gehörenden Insel Fernando Póo, die seit Ende der Siebziger Bioko heißt. Äquatorialguinea war von 1778 bis 1968 eine spanische Kolonie. „Durch seine dunkle Hautfarbe hatte Grey Key im KZ sozusagen Exotenstatus“, erzählt der ehemalige Mithäftling Juan de Diego im Dokumentarfilm „Schwarze im KZ“ (1995) des von der Elfenbeinküste stammenden Journalisten Serge Bilé, der vor vier Jahren auch ein Buch zum Thema herausbrachte („Das schwarze Blut meiner Brüder“, Claassen Verlag). Für die SS-Leute, von denen viele nie zuvor einen Schwarzen gesehen hatten, stellte Key ein Kuriosum dar. Anders als etwa die jüdischen Häftlinge gehörte er als politischer Gefangener nicht zu jener Gruppe von Menschen, die aus „rassenpolitischen“ Gründen systematisch verfolgt wurden. Demütigungen musste er dennoch über sich ergehen lassen. „Die Deutschen steckten Carlos in eine serbische Militäruniform und machten ihn zu einer Art Diener. So wie die Pagen in den großen Hotels sah er in seiner Uniform aus. Er musste ihnen die Tür aufhalten und sie bei Tisch bedienen“, erzählt de Diego im Film. Stephan Matyus vermutet, dass Carlos Grey Key das Lager möglicherweise gerade wegen seines „Sonderstatus“ überlebte. Wer die Aufnahmen von ihm machte, ist nicht klar. Matyus glaubt, dass der als „Fotograf von Mauthausen“ bekannt gewordene Spanier und Lagerinsasse Francisco Boix Fotos geschossen haben könnte. Dass ähnliche Bilder von anderen Häftlingen existieren, die ebenfalls vor der Baracke des Erkennungsdienstes gemacht wurden, spricht jedenfalls dafür. Als Grey Key nach einiger Zeit als Diener nicht mehr erwünscht war, musste er laut Juan de Diego im Steinbruch arbeiten, der „Wiener Graben“ genannt wurde. Durch das Eintreffen der US-Armee kam er am 5. Mai 1945 frei und kehrte nach Spanien zurück, wo sich seine Spur verliert.

„In den Augen der Deutschen waren wir minderwertig, weniger intelligent. Für sie waren wir wie Tiere“, sagt der KZ-Überlebende John William, der heute mit seiner Tochter in Paris lebt. 1944 wurde er in das norddeutsche Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg deportiert, wo er einer von „rund einem Dutzend“ schwarzer Häftlinge war, wie er schätzt. Den Namen „John William“ hat sich der Jazzsänger als Künstlername verpasst. Sein wirklicher Name lautet Erneste Huss. Seine Mutter stammte von der Elfenbeinküste, der Vater war Elsässer. „Als ich im Lager ankam, hieß es zuerst: ,Alle Neger antreten!‘“, erzählt er. Den Befehl gibt er mit tiefer Stimme auf Deutsch wieder. „Sie brachten uns in einen eigenen Block. Die SS-Leute kamen dann zusammen und starrten uns an. Sie machten sich lustig über uns, griffen unsere Haut an, um zu sehen, ob wir abfärbten.“ Huss war zwanzig Jahre alt, als er festgenommen wurde. Er hatte bis dahin als Werkzeugschlosser in der zentralfranzösischen Stadt Montluçon gearbeitet. Ein Sabotageakt eines Arbeitskollegen, der Mitglied in der Résistance war, war Huss zum Verhängnis geworden. Die Gestapo verhaftete ihn und wollte ihm unter Folter den Namen des Täters herauspressen. Weil er sich weigerte, wurde er wenig später nach Deutschland deportiert. „Im Lager wurde ich im Metallwerk eingesetzt, wo ich für die Nazis Waffen produzieren musste.“ Zu dieser Zeit befand sich die deutsche Armee längst im Krieg mit Russland und war auf die Waffenproduktion in den Lagern angewiesen. Huss rettete das womöglich das Leben. Ein Jahr lang war er in Gefangenschaft, bis das KZ Neuengamme aufgelöst wurde.

Von Stephan Matyus’ Büro im Innenministerium aus führt der Weg durch verwinkelte Gänge zur Bibliothek der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Aus den Regalen holt Christian Dürr, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archivs, drei schwere Bücher hervor. Darin finden sich die Namenslisten von französischen Gefangenen in Mauthausen, in denen auch Georges Maudar verzeichnet ist: ein französischer Soldat, dessen Eintrag die Bemerkung „französischer Neger“ ziert. Christian Dürr benennt die Probleme, welche die Recherche nach schwarzen KZ-Häftlingen erschweren: „Bei der Registrierung war die Kategorie schwarz oder nicht schwarz nicht wesentlich“, sagt er. Kamen etwa in französischen Reihen kämpfende Schwarzafrikaner in Gefangenschaft, wurden sie meist einfach als „Franzosen“ verzeichnet. Vereinzelt können dennoch Rückschlüsse auf die Hautfarbe gezogen werden: wenn die Herkunft der Häftlinge nachvollziehbar ist oder in den Registrierungsbüchern die rassistische Zuschreibung „Neger“ vermerkt wurde. Der als „französischer Neger“ bezeichnete Georges Maudar wurde am 25. Dezember 1915 auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren, die bis 1946 eine Kolonie war und heute ein Übersee-Territorium von Frankreich ist. Während des Zweiten Weltkriegs hatten sich zahlreiche junge Männer der Insel freiwillig gemeldet, um sich den französischen Truppen anzuschließen. Über das Leben Georges Maudars ist wenig bekannt. Sicher ist, dass er im März 1943 nach Mauthausen deportiert wurde. Dass er überlebte, steht ebenfalls fest: Er wurde am 23. April 1945 befreit. Im Gegensatz zu ihm fand Tiémoko Kouyaté in Mauthausen den Tod. Die Gestapo nahm ihn 1943 in Frankreich fest. Bei der Registrierung im Lager wurde er als politischer Gefangener kategorisiert, in Klammern: „Neger“. Ursprünglich stammte er aus Mali.

So wie es viele afrikanische Intellektuelle seiner Zeit nach Europa zog, ging Kouyaté 1926 zum Studieren nach Frankreich. Zu dieser Zeit fand in französischen und deutschen Städten die internationale kommunistische Bewegung regen Zulauf, vor allem unter Arbeitern und Studenten aus den Kolonien. In Berlin und Hamburg entstanden Vereinigungen schwarzer Kommunisten unterschiedlicher Herkunft, die sich für die Interessen der Arbeiter und Bauern ihrer Heimatländer einsetzten. Kouyaté fand schnell Zugang zu diesen antikolonial gesinnten Gruppen und reiste als Aktivist zwischen Frankreich und Deutschland hin und her. Er trat der „Liga zur Verteidigung der Negerrasse“ bei, die 1928 als Ableger der französischen „Ligue de Défense de la Race nègre“ in Berlin gegründet wurde. Viele ihrer Mitglieder kamen aus Kamerun; zwischen 1884 und 1919 eine deutsche Kolonie. Auch in Hamburg war Kouyaté aktiv, wo das „Internationale Gewerkschaftskomitee der Negerarbeiter“ und die Zeitschrift The Negro Worker die wichtigsten Sprachrohre schwarzer Kommunisten waren. Über das kommunistische „Hafenbüro“ in Hamburg verbreiteten sich die revolutionären Ideen in den afrikanischen und karibischen Kolonien. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten fanden die Aktivitäten dieser Befreiungsbewegungen ein jähes Ende. Wann, wo und warum Tiémoko Kouyaté verhaftet wurde, ist nicht bekannt. Er starb am 4. Juli 1944 im KZ Mauthausen. Im Totenbuch der SS wird „Herzschlag“ als offizielle Todesursache angegeben.

„Es ist möglich, dass es mehr schwarze Häftlinge in Mauthausen gegeben hat. Nur wurden sie eben nicht als „Neger‘ vermerkt“, sagt Christian Dürr. In französischen und britischen Uniformen waren Schwarzafrikaner bereits im Ersten Weltkrieg (1914–1918) im Einsatz. Als Frankreich nach Ende des Kriegs das deutsche Rheingebiet besetzte, wurden dort auch Kolonialtruppen stationiert. Das fast 80.000 Mann starke Kontingent bestand fast zur Hälfte aus Soldaten aus Schwarzafrika. Frankreich behielt seine „weißen“ Soldaten innerhalb der Grenzen; sie wurden für den Wiederaufbau gebraucht. Mit dem Eintreffen von Afrikaner begann eine breit angelegte deutsche Hetzkampagne gegen die „schwarze Schmach“ am Rhein. Die Stigmatisierung der „Schwarzen“ als „Wilde“ und als „sexuelle Bedrohung“ für weiße Frauen sollte nachhaltige Spuren im Bewusstsein der Bevölkerung hinterlassen. Im Zuge der Entmilitarisierung des Rheinlandes 1930 verließen die Truppen die Region. Am 7. März

1936 ließ der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler die entmilitarisierte Zone im Rheinland wieder besetzen, um die Souveränität des Reiches über die Westgrenze Deutschlands wiederherzustellen. In „Mein Kampf“ beschreibt Hitler die französische Stationierung von „Negern“ im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg als eine „Strategie der Juden, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardierung die ihnen verhasste weiße Rasse zu zerstören, von ihrer kulturellen und politischen Höhe zu stürzen und selber zu ihren Herren aufzusteigen“. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs erließ Adolf Hitler einen Befehl, wonach keine Afrikaner in Deutschland bleiben dürften. Der Befehl selbst blieb nicht erhalten; eine Reihe von Dokumenten, etwa ein Aktenvermerk des Oberkommandos der Wehrmacht von 1941, weisen aber drauf hin, dass „laut Führerbefehl keine Schwarzen auf deutschem Boden“ verbleiben dürften und „die wenigen für Sonderzwecke genehmigten Farbigen unter keinen Umständen mit dem zivilen Leben in Berührung kommen sollen“. Rassenideologische Ausgrenzungen und Diskriminierungen waren in Deutschland nicht erst mit dem Nationalsozialismus entstanden, wie die Hetzkampagne gegen die „schwarze Schmach“ zu Zeiten der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933 zeigt. Nur wurde im „Dritten Reich“ – im Gegensatz zur Weimarer Republik – versucht, rassistisch motivierte Maßnahmen auch juristisch zu legitimieren.

Diese Idee fand ihren Niederschlag in den sogenannten Nürnberger Gesetzen. Reichstagspräsident Hermann Göring war es, der am Nürnberger Reichsparteitag 1935 die ausgearbeiteten Rassengesetze vorstellte, die dort angenommen wurden. Inhalt der vorrangig antisemitischen Gesetze waren das „Blutschutzgesetz“ und das „Reichsbürgergesetz“. Entscheidend beim „Blutschutzgesetz“ war die Begriffseinführung des „deutschen oder artverwandten Blutes“, das nach NS-Ideologie rein gehalten werden müsse und nicht vermischt werden dürfe. Basierend auf diese Annahme war im „Dritten Reich“ nicht die Staatsbürgerschaft, sondern die Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ ausschlaggebend für die Stellung des Einzelnen in Politik und Gesellschaft. Die Gleichheit des Volkes galt nur für Bürger „deutschen Blutes“. Alle anderen war „ungleich“, somit wurden Diskriminierungen gegen „Andersrassige“, in erster Linie Juden und Roma, für zulässig befunden. Die Rassenideologie der Nationalsozialisten war in ihrer Essenz sehr wohl auf nicht jüdische Minderheiten anwendbar. Als sogenannte „Unerwünschte“ wurden daher auch Schwarzafrikaner als „artfremd“ und „minderwertigen Blutes“ eingestuft. Entsprechend dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ („Reichsbürgergesetz“) wurden Eheschließungen mit Juden, schließlich auch mit „Artfremden“ untersagt. „Obwohl für Schwarzafrikaner das Eheverbot galt, waren sie vom “Sexualverbot‘ aus unerklärlichen Gründen ausgenommen, weshalb man sie nicht wegen Rassenschande anklagen konnte“, sagt Marianne Bechhaus-Gerst vom Kölner Afrikanistik-Institut. Das „Sexualverbot“ war ein Bestandteil der Nürnberger Gesetze, der außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Menschen „unreinen Blutes“ unter Strafe stellte. Es wurde letztlich zu einem Instrument, männliche Juden als „Rassenschänder“ anzuklagen.

Der Bedrohung durch Deportation in der NS-Zeit waren neben den Soldaten afrikanischer Herkunft auch Kinder aus Ehen zwischen Deutschen und Schwarzafrikanern ausgesetzt. Deren Vorfahren hatten aufgrund kolonialer Bestrebungen des deutschen Kaiserreiches in Kamerun, Togo, Namibia und Tansania den Weg nach Deutschland gefunden. Wie der Vater von Theodor Michael, der als Migrant aus Kamerun nach Deutschland kam. Michael wurde 1925 in Berlin geboren, seine Mutter war Deutsche. 1943 wird er als Zwangsarbeiter in einem Arbeitslager bei Berlin eingesetzt. Er überlebt den Nationalsozialismus, unter anderem als Komparse in Filmen des „Dritten Reiches“, in denen es um den Kolonialismus ging („Quax in Afrika“, 1943. „Tantchen Wanda aus Uganda“, 1942). Heute lebt er mit seiner Familie in Köln. Über seine Zeit im Arbeitslager will er nicht sprechen. „Ich arbeite an meinen Memoiren, darin werde ich alles aufarbeiten“, sagt er. Für ihn wie für jene Menschen schwarzafrikanischer Herkunft, die nicht im KZ oder im Arbeitslager gelandet waren, bedeutete der Nationalsozialismus eine Existenz am Rande der Gesellschaft. Formalrechtlich waren sie keine Staatsbürger, sondern „Angehörige der kolonialen Schutzgebiete“. Die NS-Propagandamaschinerie instrumentalisierte die bereits bestehenden Vorurteile gegenüber Schwarzafrikanern gezielt. Die während der französischen Besetzung gezeugten Kinder (rund 400), die sogenannten „Rheinlandbastarde“, wurden im Jahr 1937 in einer Nacht- und Nebelaktion zwangssterilisiert; beiderlei Geschlechts. „Das war aber gesetzlich nicht gedeckt. Zu keinem Zeitpunkt gab es einen Befehl zur systematischen Vernichtung von Schwarzafrikanern, wie es bei den Juden oder Roma der Fall war“, erklärt Marianne Bechhaus-Gerst. „Wenn sie sich unauffällig benahmen, hatten sie sogar gute Überlebenschancen.“ Das galt nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 auch für Afrikaner, die etwa als Musiker, Studenten, Entertainer oder Gastarbeiter den Weg nach Österreich gefunden hatten.

Auch Achmed Kranzmayrs Vater war Schwarzafrikaner (genaue Herkunft unbekannt), der angeblich in einer Musikertruppe gespielt haben soll. Aber so genau weiß das niemand. Kranzmayr hat seinen Vater nie kennengelernt und auch nie etwas über ihn erfahren. Seine Mutter war Österreicherin. „Sie hat sich für mich immer geschämt“, sagt er. Er wuchs bei seiner Großmutter in Mauthausen auf, wo der inzwischen 77-Jährige auch heute noch lebt. Als Kind erfuhr er am eigenen Leib, was es hieß, während der NS-Zeit als „Neger“ gebrandmarkt zu sein. „Ich war acht oder neun Jahre alt, als meine Großmutter mit mir nach Wien in die Universitätsklinik fahren musste“, sagt Kranzmayr. „Dort haben mich die NS-Ärzte untersucht und festgestellt, was ich bin: ein ,Negermischling‘.“ Die Leute in Mauthausen mochten den aufgeweckten Buben. Seine dunkle Hautfarbe und das krause Haar störten damals niemanden. Erst als im August 1938 das Konzentrationslager fertiggestellt wurde, änderte sich die Stimmung. Das Haus, in dem Kranzmayr wohnte, lag nicht weit davon entfernt, und die SS-Soldaten wohnten teilweise im Ort. „Einem von ihnen war ich ein Dorn im Auge. Der hätte mich am liebsten weggeputzt“, erzählt Kranzmayr mit einer wegwerfenden Handbewegung. „,Warum rennt der da noch herum? Tun wir ihn rauf ins Lager‘, hat er immer gemeint.“ Kranzmayr hatte Glück; es blieb bei der Drohung. Trotzdem lebten er und seine Großmutter in ständiger Angst. Die Erinnerung daran schmerzt ihn noch immer. Beim Erzählen stockt er immer wieder kurz, kämpft mit den Tränen. Kranzmayrs Alltag im Nationalsozialismus war von Demütigungen geprägt: „Meine Großmutter hat mich in der Kriegszeit oft mit ein paar Lebensmitteln zu meiner Mutter nach Wien geschickt. Da hat mich meine Mutter immer versteckt, wenn Nachbarn vorbeigekommen sind. Es hat ja niemand gewusst, dass sie ein Mischlingskind hat.“ Im Nachbarhaus in Mauthausen wohnte der SS-Hauptsturmführer Georg Bachmayer mit seiner Familie. Kranzmayrs Großmutter passte regelmäßig auf dessen zwei Töchter auf und kümmerte sich um die Wäsche der Familie. „Der Bachmayer hat mir immer geholfen und mich geschützt. Auch meiner Großmutter zuliebe. Sie war eine robuste Frau und bei den Leuten sehr angesehen“, sagt Kranzmayr. „Heute weiß ich, dass ich es nur ihr zu verdanken habe, dass ich noch am Leben bin.“

© SN/SW

salzburg.com Text: Marina Wetzlmaier, Duygu Özkan

Fotografie: Mauthausen Memorial

Quelle: http://www.salzburg.com/online/nachrichten/chronik/In-ihren-Augen-waren-wir-Tiere.html?article=eGMmOI8Vdzrm5hx7541aZKXB0yj0oXSSH3qJ8z7&img=&text=&mode=

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