Eigentlich wollte die Hamburger Autorin & Musikerin Noah Sow nur ein Interview zum Thema US Wahlen geben. Wie daraus 45 unerträglich lange Minuten im „Critical Whiteness 101 Einsteiger-Seminar“ werden konnten, und was das mit „dominanzrezeptiver Sozialisierung und internalisierten Dominanzstrukturen“ zu tun hat, erfahrt ihr hier:

„Ein mir bis dahin nicht bekannter Kollege möchte einen Interviewtermin mit mir zum Thema US-Wahlen und struktureller Rassismus ausmachen.Dafür fragt er per Mail nicht – wie üblich – nach einem Interviewtermin, sondern gleich nach meiner Telefonnummer. (Die kriegt er natürlich nicht, ich rufe aber an.)

Beim Vorgespräch am Telefon fragt er, warum man nicht “Farbige” sagen soll, und führt an, dass das in Südafrika normal sei.

Trotzdem bin ich zum Interview bereit, denn das soll laut Absprache ja nicht von seinen persönlichen deutschlandbezogenen Wissenslücken handeln, sondern von den US-Wahlen usw.

Beim Treffen duzt er mich dann unvermittelt. Ich sehe kurz nach, ob sich vielleicht jemand einen schlechten Scherz erlaubt und mir ein “Kumpel”-Schild auf die Stirn geklebt hat. Nicht der Fall.

Sein erster Satz ist, dass er “überhaupt nicht vorbereitet” sei. (Wir erinnern uns: Privileg ist, wenn man die Person ist, die sich nicht fragen muss, wie sie gerade rüberkommt oder was die Person gegenüber von einem hält)

Er sagt gleich dazu, dass es ihm ja vor allem auch darum ging, mich mal zu treffen (Note to self: dafür einsetzen, dass “Projektionsfläche”, “Neugieranlaufstelle” und “Vehikel” bald Lehrberufe werden!)

Er hat kein Aufnahmegerät dabei, obwohl ich ihm bis dahin schon 2x gesagt hatte, dass ich präzise Wiedergabe von Inhalt und Ausdrucksweise, gerade bei dem Thema, unerlässlich finde. Als ich mein eigenes Aufnahmegerät holen gehe, fragt er nach, ob das daran liege, dass ich “schlechte Erfahrungen” gemacht habe. (Merke: Reaktionen darauf, dass man gerade unprofessionell ist und beim Vorgespräch nicht zugehört hat, lieber auf die “schwere Vergangenheit” der anderen Person schieben)

Nach 20 Minuten kann also auch schon das Interview beginnen. Zuerst will er tatsächlich wissen, ob ich denn als Kind auch schon Rassismuserfahrungen gehabt hätte und ist ernsthaft erstaunt, als ich ihm (zum vierten Mal) sage, dass wir gerne über strukturellen Rassismus und mediale Berichterstattung sprechen können, und das nichts mit irgendeiner persönlichen Biografie/Homestory von mir zu tun hat. Die er auch nicht kriegt.

Darauf bekomme ich einen guten alten Journalismus-Themaverfehlungs-Klassiker zu hören: “Das hätte mich aber interessiert”. Antwort: Klar. Das kann ich mir denken. (Aber Wayne? – siehe “Vehikel”; “Privileg”).

Nun versuchen wir er es tatsächlich mal -Tusch!- inhaltlich und -whoa!- fachbezogen. Als Erstes konstatiert er, dass Obama, “wenn er ein normaler Mensch wäre”, in Hamburg in viele Discos nicht reinkäme.

(Interviewtipps: Wenn man ein wichtiges Thema anspricht, darf man sich in der Wortwahl ruhig um 200% verhauen. Statt zu Fragen, sollte man lieber eigene Feststellungen äußern, die man vom Interviewten untermauert haben möchte. Das schockt besser.)

Als nächstes fragt er mich, was die Afrodeutschen von Obama halten würden….wundert sich, als ich entgegne “woher soll ich denn das wissen?”…..und antwortet nicht auf die Gegenfrage, was denn die weißen Deutschen von Hillary Clinton halten würden.

Fürs Protokoll: Nach 40 Minuten habe ich immer noch keine einzige erträgliche* Frage gehört.

Zum krönenden Abschluss eröffnet er mir nun noch, dass “die Schwarzen in Deutschland” ja “ein geringeres Selbstbewusstsein” hätten, das wüsste er “ganz genau”, von “Freunden”, die ihm “das erzählt haben”… bringt -als ich ihn wissen lasse, dass sein Auftritt gerade nicht geht und er sein ethno-psychonanalytisches Hobby in meiner Abwesenheit fortführen kann- den weiteren igno-Klassiker “das darfst du jetzt nicht falsch verstehen”… und (**Tusch** – critical whiteness Einsteiger-Kurs-Beispiel der 1. Minute:) verlangt, als ich das Interview abbreche, dass ich ihn doch darüber aufklären und informieren solle, was denn gerade nicht okay gewesen sei.

Meins oder eins der vielen, vielen anderen Bücher zu diesem Themenfeld hat er übrigens nicht gelesen. Ist ja auch nicht so wichtig. Man muss ja keine Ahnung haben von den Sachen, über die man so schreiben will. Also, bei dem Thema jedenfalls nicht. Hauptsache, man hat die Frau mal persönlich kennengelernt.

Ich hätte natürlich schon ab Minute 1 meine Zeit sparen und den Unsinn abbrechen können. Sollen. Habe dazu aber fast 45 Minuten gebraucht. Das ist verhaltensauffällig. Und bringt mich auf das wirklich Interessante:meine eigenen internalisierten Dominanzstrukturen.

  • Vielschichtig:
  • Es trafen sich:
  • Schwarz und weiß
  • Frau und Mann
  • Interviewte und Interviewer
  • Person öffentlichen Lebens und “(Boulevard-)Tagseszeitung”.

Fazit: internalisierte Dominanzstrukturen kosten Nerven und Zeit:

  • Weiterreden wenn man nicht möchte,
  • Höflich bleiben wenn das Gegenüber unverschämt ist,
  • Etwas noch zweimal erklären, wenn man weiß, dass schon beim erstenmal nicht das Verstehenkönnen das Problem war sondern das Verstehenwollen.
  • Erst so lange warten, bis man 5 gute Gründe hat – und nicht einen oder zwei, bevor man aufsteht und geht.

Der Klassiker: Jemand ist grenzüberschreitend und/oder frech, trotzdem wartet man/frau erst, bis man/frau die Schnauze wirklich extrem voll hat. Holt sich also sozusagen eine langweilige oder nervige Zeitspanne selbst ab. Kennt jede als ärgerliches Beispiel aus dem täglichen Leben.

Unangenehm, so eine “dominanzrezeptive” Sozialisierung. Wir arbeiten dran. *Erträgliche Frage = eine, in der nicht die Fragestellung bereits Vorurteile beinhaltet, und die nicht suggestiv gestellt ist (siehe “Praktikum bei der Zeitung, erste Woche, Interviewgrundlagen”)

(C) Noah Sow., der vollständige Text ist unter http://www.noahsow.de/blog/?p=427 abrufbar, 02. November 2008, Titel: “das hätte mich aber interessiert” – Ausflug in dominanten Diskurs im semi-freiwilligen Selbstversuch oder “eine fast lustige Journalistenbegegnung”

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