Advanced Chemistry – Fremd im eigenen Land (1992)


…Krawallnacht, rechnet die Polizei mit weiteren rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock. Die Stadt sei inzwischen
ein Sammelplatz für Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet geworden, sagte ein Polizeisprecher!
In der Nacht war es wieder zu schweren Krawallen vor dem inzwischen bewohnten Asylbewerberheim in Rostock…

Advanced Chemistry! Sie kämpfen gegen Vorurteile und Rassismus!

Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf. Dies bedingt, daß ich mir oft die Haare rauf‘.
Jetzt mal ohne Spaß: Ärger hab‘ ich zuhauf, obwohl ich langsam Auto fahre und niemals sauf‘.
All das Gerede von europäischem Zusammenschluß! Fahr‘ ich zur Grenze mit dem Zug oder einem Bus,
frag‘ ich mich, warum ich der Einzige bin, der sich ausweisen muß, Identität beweisen muß!
Ist es so ungewöhnlich, wenn ein Afro-Deutscher seine Sprache spricht und nicht so blaß ist im Gesicht?
Das Problem sind die Ideen im System: Ein echter Deutscher muß auch richtig deutsch aussehen!
Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr! Gab’s da nicht ’ne Zeit, wo’s schon mal so war?
Gehst Du mal später zurück in Deine Heimat? Wohin? Nach Heidelberg, wo ich ein Heim hab‘?
Nein, Du weißt, was ich mein‘! Komm‘, lass‘ es sein, ich kenn‘ diese Fragen, seitdem ich klein
bin in diesem Land vor zwei Jahrzehnten geboren, doch frag‘ ich mich manchmal: Was hab‘ ich hier verloren?
Ignorantes Geschwätz, ohne End, dumme Sprüche, die man bereits alle kennt!
Ey, bist Du Amerikaner oder kommste aus Afrika? Noch ein Kommentar über mein Haar, was ist daran so sonderbar?
Ach, Du bist Deutscher, komm‘, erzähl‘ kein‘ Scheiß! Du willst den Beweis? Hier ist mein Ausweis:
Gestatten sie, mein Name ist Frederik Hahn! Ich wurde hier geboren, doch wahrscheinlich sieht man es mir nicht an.
Ich bin kein Ausländer, Aussiedler, Tourist, Immigrant, sondern deutscher Staatsbürger und komme zufällig aus diesem Land.
Wo ist das Problem, jeder soll gehen, wohin er mag, zum Skifahren in die Schweiz, als Tourist nach Prag,
zum Studieren nach Wien, als Au-Pair nach Paris ziehen, andere wollen ihr Land gar nicht verlassen, doch sie müssen fliehen.
Ausländerfeindlichkeit, Komplex der Minderwertigkeit, ich will schockieren und provozieren, meine Brüder und Schwestern wieder neu motivieren.
Ich hab‘ schon ’nen Plan, und wenn es drauf ankommt, kämpfe ich Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ich hoffe, die Radiosender lassen diese Platte spielen, denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen.
Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder.

Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf, doch mit italienischer Abstammung wuchs ich hier auf.
Somit nahm ich Spott in Kauf in dem meinigen bisherigen Lebensablauf.
Politiker und Medien berichten ob früh oder spät von einer überschrittenen Aufnahmekapazität.
Es wird einem erklärt, der Kopf wird einem verdreht, daß man durch Ausländer in eine Bedrohung gerät.
Somit denkt der Bürger, der Vorurteile pflegt, daß für ihn eine große Gefahr entsteht,
er sie verliert, sie ihm entgeht, seine ihm so wichtige deutsche Lebensqualität.
Leider kommt selten jemand, der frägt, wie es um die schlechtbezahlte, unbeliebte Arbeit steht.
Kaum einer ist da, der überlegt, auf das Wissen Wert legt, warum es diesem Land so gut geht,
daß der Gastarbeiter seit den Fünfzigern unentwegt zum Wirtschaftsaufbau, der sich blühend bewegt,
mit Nutzen beitrug und noch beiträgt, mit einer schwachen Position in der Gesellschaft lebt,
in Krisenzeiten die Sündenbockrolle belegt. Und das eigentliche Problem, daß man übergeht,
wird einfach unauffällig unter den Teppich gefegt.
Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder.

Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf, doch keiner fragt danach, wenn ich in die falsche Straße lauf‘.
Komm‘, dem hauen wir’s Maul auf! Gut, daß ich immer schnell war beim Hundertmeterlauf.
Gewalt in Gestalt einer Faust, die geballt, oder ’nem blitzenden Messer, ’ner Waffe, die knallt.
Viele werden behaupten, wir würden übertreiben, doch seit zwanzig Jahren leben wir hier und sind es leid zu schweigen.
Progrome entstehen, Polizei steht daneben, ein deutscher Staatsbürger fürchtet um sein Leben.
In der Fernsehsendung die Wiedervereinigung, anfangs hab‘ ich mich gefreut,
doch schnell hab‘ ich’s bereut. Denn noch nie seit ich denken kann, war’s so schlimm wie heut‘!
Politikerköpfe reden viel, doch bleiben kalt und kühl, all dies passt genau in ihr Kalkül.
Man zeigt sich besorgt, begibt sich vor Ort, nimmt ein Kind auf den Schoß, für Presse ist schon gesorgt.
Mit jedem Kamerablitz ein neuer Sitz im Bundestag, dort erläßt man ein neues Gesetz.
Klar, Asylbewerber müssen raus, und keiner macht den Faschos den Gar aus!
Dies ist nicht meine Welt, in der nur die Hautfarbe und Herkunft zählt, der Wahn von Überfremdung politischen Wert erhält,
mit Ignoranz jeder Hans oder Franz sein Urteil fällt, Krach macht und bellt, sich selbst für den Fachmann hält.
Ich bin erzogen worden die Dinge anders zu sehen: Hinter Fassaden blicken, Zusammenhänge verstehen!
Mit Respekt en direct zu jedem Menschen stehen! Ethische Werte, die über nationale Grenzen gehen!
Ich hab ’nen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf, doch bin ich fremd hier.

…das Wetter, heiter bis wolkig, Temperaturen morgen bis 34 Grad..

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