Marina Achenbach: Fasia. Geliebte Rebellin


FASIA JANSEN (1929 in Hamburg – 1997 in Oberhausen). Sie war Sängerin, Friedensaktivistin, Frauenrechtlerein, Bürger- und Menschenrechtlerin. Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Freitag.de: [..] wurde es nicht „an der Wiege gesungen“, dass sie eine Liedermacherin und Sängerin wird, die Tausende bewegt. Für ihr Leben trifft wirklich zu, was oft leicht hingesagt wird: es war eine Gratwanderung. Von klein auf hätte es ihr geschehen können, dass sie gebrochen, im NS-Staat zu Grunde gerichtet, auch nach dem Krieg von Bildung ausgeschlossen, von der Gesellschaft an den Rand gestoßen wird. Ihr unendliches Glück war es, dass immer Menschen da waren, die sie schützten und stützten. Fasia brachte ihre Neugier und Lernfähigkeit mit, ihre Begabungen für Musik, ihre schöne Stimme und die schon legendäre Fähigkeit, mit dem Publikum Kontakt zu bekommen.

Zuerst war es die Familie, die das dunkle Kind vor rassistischen Gemeinheiten bewahrte. „Wenn wir mal zusammen in der Straßenbahn waren und die Leute machten so höhnische Bemerkungen und Kinder fingen an: Owamba, Owamba, das Negerweib, huhuhu! – dann guckte mein Vater mich nur an und sagte: Alles geistig Minderbemittelte, Fasia“, erzählte sie. Den Vater hatte sie bekommen, als sie sechs war. Er war Schlosser im Hafen und Kommunist. Fasias Mutter heiratete ihn, weil sie sah, dass er zu ihrem unehelichen schwarzen Kind gut war. Außerdem war das Mädchen in dem großen Haus mit seinen sieben Hinterhöfen sicher, wo unzählige Menschen eng beieinander wohnten, wo es Pferdeställe und Werkstätten gab und der Geruch der Elbe und des Hafens hindrang. Da mochte man die kleine „Schwatte“, da lernte sie früh, sich in den Kinderbanden zu behaupten, die sich nach Abenteuern sehnten.

Die Nazis trauten sich selten in dieses Gewirr, hier hatten sie keine Anhänger, doch Fasia war Zeugin von Verhaftungen, erlebte die Schläger der Gestapo und die Angst um die abgeholten Männer, unter ihnen ihr Vater. In diesen Häusern und Höfen wurde die kindliche Phantasie mächtig angeregt, von Seeleuten, von der Großmutter, von den Erzählungen der Kinder, durch die Gespräche der Nazigegner. Diese Welt war nicht klein, sondern unergründlich, weit, verzwickt, und die Kraft, die sie dort spürte, reichte fürs ganze Leben, so scheint es. Fasia bewahrte zärtlich die Erinnerung an dieses solidarische und vitale Arbeitermilieu, sie wollte ein Buch über ihre Kindheit schreiben und hinterließ Stapel von Notizen.

Mit 15 wurde sie zum Küchendienst in ein KZ-Außenlager verpflichtet. Einer der Brüche im Leben, ein Trauma. Für ihre Orientierung in der Gesellschaft blieb es ein Bezugspunkt. Aber es war auch der Anlass einer immer wiederkehrenden psychischen Katastrophe und der Anfang einer chronischen Herzinnenhautentzündung, wegen der sie nie nach Liberia reisen konnte. Das Land ihres Vaters Momolu Massaquoi, des herrschaftlichen Generalkonsuls von Liberia, den sie meist nur den „Erzeuger“ nannte. Vom Glanz seines Hauses erzählte Fasias Mutter gern, er war der erste afrikanische Diplomat überhaupt in Deutschland. Aber er ließ sie im Stich, das verzieh Fasia ihm nie. Schon im Jahr ihrer Geburt war er mit seiner Familie nach Liberia zurückgekehrt, geriet dort in Kriegswirren und starb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Fasias Geschwister Kontakt zu ihr auf, sie studierten in Europa und in den USA und wurden in Liberia Minister und Professoren. Die Familie Massaquoi war einflussreich, selbstbewusst, gebildet. Dass zwei so unterschiedliche soziale Welten in ihrem Leben eine Rolle spielten, hatte Fasia zu verkraften. Sie verwandelte diese Beziehungen in Freundschaften.

Seltsamer Weise ist es nie zu ihr durchgedrungen, dass noch ein zweites Massaquoi-Kind nicht weit von ihr entfernt aufgewachsen war: Hans-Jürgen Massaquoi, den der älteste Sohns des Konsuls bei der Mutter des Kindes, einer Hamburgerin, zurückgelassen hatte. Kurz nach ihrem Tod kam sein Buch Neger, Neger, Schornsteinfeger heraus. Er wurde genauso wie Fasia als „nicht-arisches“ Kind von den Nazis geschmäht und bedroht. Nach 1945 veränderte sich seine Lage allerdings, man hielt ihn meist für einen Amerikaner und zählte ihn somit zu den Siegern. Das war für eine junge schwarze Frau keine Option: sie wurde eher als „Exotin“ wahrgenommen, Männer fanden sie aufregend, aber die alten rassistischen Ressentiments begegneten ihr überall. [..] weiterlesen

Quelle: http://www.freitag.de/2004/52/04520301.php

siehe auch Marina Achenbach: Fasia. Geliebte Rebellin. Bildband mit CD. ASSO Verlag Oberhausen, November 2004, 304 Seiten, Hardcover, 29.80 Euro / assoverlag@aol.com, Tel. 0208 / 802356

und

www.fasia.de

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