Spoken Word „GEDENKEN“ von Angela Kamara


GEDENKEN (von Angela Kamara)

Hier und heute ist auch ein Augenblick, an dem es Zeit ist, dass man sich Zeit nimmt und zurückblickt – ein grausames Kapitel der eigenen Geschichte aufschlägt.

Solingen 29. Mai 1993, Untere Wernerstraße, Hausnummer 81. Es ist Nacht. Und es brennt. Sirenen. Schreie. Tränen. Fünf Menschen lassen ihr Leben.

Gürsün İnce – 27 Jahre, Hatice Genç – 18 Jahre, Gülüstan Öztürk – 12 Jahre, Hülya Genç – 9 Jahre, Saime Genç – 4 – !4 Jahre!

Sie sterben, springen zum Teil aus dem Fenster in ihr Verderben. Und warum? Warum?

Weil vier junge Männer aus der Nachbarschaft durchdrehen, die Brandanschläge von Hoyerswerda, Rostock und Mölln zum Vorbild nehmen, das vermeintlich Fremde sehen, losgehen, Feuer legen, Hass sähen und anschließend um Vergebung flehen, Schuld nicht eingestehen, denn: „der Türke“ hat seine „Schuldigkeit“ getan…

Solingen
29. Mai 1993

Angela Kamara lebt in Düsseldorf, macht Theaterarbeit und ist Projekt – koordinatorin der anti-rassistischen Künstler organisation Brothers Keepers


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Internet-Link: http://brotherskeepers.org/blog


Aussstellung

“Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland”
4.6-2.7.09 in
Solingen
http://www.opfer-rechter-gewalt.de

Solingen Mai 1993 – nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Realität, die mensch mit „normaler“ Denke nicht versteht. Nein! Ich komm darauf nicht klar, und trotzdem ist es wahr, dass wir heute – im Jahr 2009 – über 140 Tote zählen, über 140 Menschen, die nicht mehr leben. !Zu Tode! gehetzt, gejagt, geprügelt, gepeinigt, getreten, gefoltert, gequält! Sie wurden erstochen, erschossen, erstickt, erwürgt, ertränkt, erschlagen, aus der S-Bahn geworfen, mit Benzin übergossen, angezündet, vom Auto überfahren … Die Liste ist lang – und lässt sich kaum ertragen. Vor allem weil, weil sie alle so grundlos starben.

Der Vorstellung der Rechten entsprechend, dürfte die Welt eigentlich nicht größer als ein Stecknadelkopf sein. Zentral in ihrer Ideologie sind Inhalte wie: das Prinzip der Ungleichheit und die Überbewertung der ethnischen Zugehörigkeit – also Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus. Hinzu kommen der Autoritarismus und der Antipluralismus. Der Feind, ganz klar: die Demokratie, die freie Meinung und all jene Menschen, die nicht dem vermeintlichen Ideal entsprechen: Ausländer und Fremde, ethnische Minderheiten, Juden, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, politisch anders Denkende. Sie alle sind zum Abschuss frei gegeben, denn in den Augen der Rechten, sind sie es nicht wert zu leben.

Mehr als 140 Menschen, !MEHR! mehr als 140 Menschen wurden im wiedervereinigten Deutschland durch rechte Täter getötet. Ist es nicht ein bisschen zu einfach, nur zu meinen: Ach, die paar Rechten, die sind doch alle verblödet!? Ich jedenfalls, ich würd jetzt am liebsten weinen, schluck den Kloß aber runter und versuch sachlich zu bleiben. Schauen wir mal, was die amtlichen Statistiken so zeigen…

Im Jahr 2008 gab es zwei Tote, 19.894 rechte Straftaten, darunter 1.042 Gewalttaten. Im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg – konsequent? Bei ersterem jedenfalls sogar um mehr als 15 Prozent. Zumindest steht es so -ganz offiziell- im Verfassungsschutzbericht. Und die inoffizielle Sicht? Widerspricht.

Denn tatsächlich wird nur ein Bruchteil von dem registriert, und damit von staatlicher Seite negiert, was tag ein und tag aus in Deutschland passiert. Zudem gilt eine Tat erst dann als rechtsextremistisch motiviert, wenn sich der Täter authentisch mit der rechten Denke identifiziert; zum Beispiel, weil er unter Zeugen rechte Parolen zitiert, sich selbst -oder fremder Leute Wände- mit entsprechenden Symbolen „verziert“, und sich nicht geniert, wenn er sich in spezifischen Vereinigungen engagiert und vor Schulen Nachwuchs akquiriert.

Jedenfalls, die Moral von der Geschicht`: Die Dunkelziffer steht für sich. Und – noch was: Rassismus… gibt es nicht.

Wie? Rassismus gibt es nicht?

!Natürlich! ist ein Rechtsextremist gleichzeitig auch ein Rassist. Aber mal anders herum gefragt: Ist ein Rassist zwangsläufig auch ein Rechtsextremist? Und da wir schon bei den maßgeblichen Fragen sind: Wer ist eigentlich fremd – wer Ausländer, wer wem gegenüber feindlich gesinnt?

In der Öffentlichkeit sind Fremden- und Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Rassismus dasselbe – nicht das Gleiche. Wie die deutsche Eiche fest verwurzelt im Sprachsystem. Und jetzt frag ich Euch: Warum ist mir meine vermeintliche Herkunft eigentlich anzusehen? Warum ist das „Nicht-Deutsche“ an mir für jedermann augenscheinlich? Warum ist es meinem Gegenüber nicht einmal peinlich, wenn ich „als Beweis“ auf die Frage „Wo kommst du heeeeer???“, meinen deutschen Personalausweis auf den Tisch lege? Und warum kann sich der blonde blauäugige Typ aus Schweden problemlos in den so genannten „NoGoAreas“ -den „nationalbefreiten Zonen“- bewegen?

Die Antworten auf all diese Fragen könnt Ihr Euch selber geben!

Ich für mich habe schon lange entdeckt, dass mir dieser Alltagsbrei namens „Sprachgebrauch“ nicht schmeckt. Da wurden unterschiedliche Zutaten in einem GROßEN Topf zusammengeführt und anschließend wurde so kräftig gerührt, dass die Zunge -wenn sie den Brei berührt- die einzelnen Nuancen nicht mehr spürt. Aber ist ja auch egal – Alltagsbrei halt. In einer FastFoodNation fehlt ganz einfach die Zeit, um Zutaten richtig abzuschmecken, sich mit „Nichtigkeiten“ wie Rassismus zu beschäftigen – Menschen verrecken – passiert. Und wenn doch mal jemand reagiert, wird nur eine Allergie diagnostiziert und mit einem „Sei doch nicht so empfindlich“ relativiert. Na dann – Guten Appetit!

Verdammter Alltagsbrei! Verdammte Schönfärberei!

Aber was will man erwarten von einem Land mit einer reinen -weißen- Weste? Was will man erwarten von einer Gesellschaft, die Vergangenheit weiß wäscht, Gegenwart schwarz-weiß denkt und Zukunft schwarz malt? Eine Gesellschaft, die unterschlägt, worum sich unsere farbenfrohe Welt dreht, worum es offensichtlich geht.

Denn die Heiligkeit existiert nur zum Schein und scheinheilig ist es, „farbenblind“ zu sein.

Nein! Wir sind nicht alle gleich! Jeder für sich bewegt sich in seinem Bereich. Und es gilt, diese unterschiedlichen Realitäten zu erkennen, Tatsachen tatsächlich auch bei ihrem Namen zu nennen: Rassismus.

Rassismus ist eben nicht nur die rechte Gewalttat, Rassismus ist Alltag! Und auf eine kurze simple Formel gebracht: Rassismus ist gleich Vorurteil plus Macht. Ja, das hättet Ihr jetzt nicht gedacht, aber ich sag’s Euch: Es ist die Macht, die das Zentrale am Rassismus ausmacht.

Nehmen wir einmal an, ein Weißer ist angepisst, weil ihn ein Schwarzer wegen seiner Hautfarbe disst. Dann ist -entgegen der allgemeinen Ansicht- der Schwarze vielleicht ein Arschgesicht, aber !kein! Rassist. Denn das Wesentliche ist, dass seine Meinung nicht institutionalisiert ist. Sprich, der Weiße kann sich weiterhin im alltäglichen Leben frei bewegen, seinen Weg gehen – ohne dass er dabei angehalten wird und von der Polizei kontrolliert, weil man ihn wegen seines Aussehens versehentlich für einen Drogendealer hielt.

Ja. Die Farbe der Gerechtigkeit ist oftmals weiß. Was ich damit mein`? Na die so genannte Selbstverständlichkeit Weiß zu sein… So ist es selbstverständlich, sich als Weißer auf der Straße zu bewegen ohne Aufsehen zu erregen. Es ist selbstverständlich, nach dem ersten Kennenlernen nicht direkt nach der Herkunft gefragt zu werden, eine Wohnung oder einen Job nicht nicht zu bekommen, weil man Weiß ist und damit irgendwie verdächtig erscheint. Es ist eine Selbstverständlichkeit, den Fernseher anzuschalten, und zu genießen, wie Weiße Moderatoren und Schauspieler einen unterhalten, dass in den Medien, der Politik, der Schule oder im Beruf Weiße als Vorbilder zur Verfügung stehen. Und selbstverständlich, sind Fortschritt und Zivilisation als ein Verdienst der Weißen anzusehen. Und all dem nicht genug, ist es selbstverständlich, als Weißer die Freiheit der Wahl zu haben und sich als Schwarzer Mensch in Deutschland darüber nicht zu beklagen.

Dabei bedeutet, sich zu beklagen, nicht zwangsläufig auch ein Anklagen. Mir zumindest geht es primär darum, die Wahrheit zu sagen und Grundsätzliches zu hinterfragen. Denn wie oft wurden Opfer zu Tätern stilisiert? Wie oft wurde eine rassistische Erfahrung relativiert? Wie oft wurden nach einem rechten Angriff Fakten fehlinterpretiert? Und all dies mit der einen Frage: Wer hat hier eigentlich wen provoziert?

Ich möchte den Opfern Namen geben. Ich möchte hier und jetzt über Deutschland reden!

Und deshalb frage ich nun Dich, Dich, Dich und Dich: Ich frage Euch! Seid ihr Deutschland – oder seid ihr’s nicht? Ich bin Deutschland, zumindest ein Teil davon. Ich bin ein change agent, der keine Grenzen kennt. Und ich bin stolz! Denn für mich ist Deutschland Vielfalt.

Und die Chance aus dieser Vielfalt zu lernen, Potentiale zu identifizieren, liegt in der Kunst, sie in all ihrer Komplexität differenziert wahrzunehmen und zu reflektieren. Es gilt, Rassismus und Rechtsextremismus nicht länger zu relativieren. Sie nicht allein als Bedrohung zu erkennen und zu benennen, sondern anzuerkennen, wie tief sie tatsächlich verankert sind und wie viel Arbeit es bedarf, um den Tendenzen in jedem Einzelnen effektiv etwas entgegen zu setzen.

Denn unsere Zukunft kann nicht in einem Gegeneinander liegen. Unsere Zukunft kann nur in einem fairen Miteinander liegen! Das heißt, sich gegenseitig akzeptieren und respektieren.

Und hier und heute ist solch ein Augenblick, ein Augenblick an dem es Zeit ist, dass man sich Zeit nimmt und zurückblickt. Ich möchte, dass wir nun den Opfern, ihren Familien und all den Traumatisierten einen Moment der aufrichtigen Aufmerksamkeit schenken, den Kopf zu einer Minute des Schweigens senken und ihnen GEDENKEN.

„GEDENKEN“ ist ein Redebeitrag von Angela Kamara geschrieben für die Aussstellungseröffnung “Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland” am 4.6. in Solingen

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