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Kein Fernsehtipp – Afrika im Herzen (ARD)

[ND] »Mängel im Paradies« Kritische Anmerkungen zum Afrika-Bild im deutschen Fernsehen: Das Fernsehen zeigt Afrika meist nur aus zwei Perspektiven: Als Armutshölle oder Romanzenkulisse. Deutsche wie Christine Neubauer in »Afrika im Herzen« (heute, 22.12., 20.15 Uhr, ARD) verkörpern diesen Philorassismus als selbstlose Helfer im Kreise folkloristischer Eingeborener.

Lesetipp
So schreiben Sie über Afrika: Eine Anleitung Deutsche Übersetzung

How To Write About Africa Original (Granta 2007)

Binyavanga Wainaina, Jg. 1971, ist kenianischer Schriftsteller und Journalist. Er ist Gründer und Leiter der Literaturzeitschrift Kwani

Denkt er ans Image seiner Heimat in den Medien, flüchtet sich Binyavanga Wainaina gern in Galgenhumor. »Zeigen Sie niemals das Bild eines modernen Afrikaners«, rät der kenianische Schriftsteller in einer Anleitung zum Korrespondentenbericht. »Verwenden Sie stattdessen: eine Kalaschnikow, hervortretende Rippen, nackte Brüste.« Außerdem sei Afrika stets als Gebiet zu schildern, in dem Wetter, Kriege und Tiere, Rhythmus, Riten, Krankheit, Tod und Misserfolg regieren.

Und vor allem: als ein Land, trotz über 50 Einzelstaaten….

  • Wenn Christine Neubauer also heute in der Degeto-Schnulze medizinisch Namibia rettet, titelt die ARD: »Afrika im Herzen«.
  • Wenn sich die SOKO Leipzig gut zwei Wochen später ins einstige Deutsch-Südwest begibt, nennt es das ZDF: »Verloren in Afrika«.
  • Wenn Katja Flint am 31. Januar ihre Abenteuer am Kap der Guten Hoffnung erlebt, heißt es im Ersten: »Stürme in Afrika«.
  • Und selbst arte preist seine Dokureihe zum Jahresbeginn als »Wildes Afrika«. Verlorene Herzen in stürmischer Wildheit. Das zieht immer.

[...]

So lassen die Öffentlich-Rechtlichen Hunger lieber Hunger sein und erfolgreiche Agrarprojekte äthiopischer Fraueninitiativen links liegen. Für ernste Themen haben sie ja arte und für stärkeren Tobak »Weltspiegel« oder die Nacht. Was zur Primetime zählt, sind weiße Identifikationsfiguren auf paternalistischer Exkursion. Auswanderer, Farmer, Ärzte, Kinderheimbetreiber, alle gut und selbstlos wie Günther Maria Halmer in der ARD-Romanze »Mein Traum von Afrika«. Das Ganze umrahmt von blutroten Sonnenuntergängen, Safaris am Kilimandscharo oder lachenden Buschkindern.

Und wenn Krieg, Unterdrückung, Armut doch fiktional thematisiert werden, dann auf der sicheren weil historischen Seite. So spielte »Afrika, mon Amour« mit Iris Berben in einer Epoche, da Dunkelhäutige noch Neger waren und macht es sich so leicht: Über Rassismus, Fremdheit und Fernweh im 1. Weltkrieg zu erzählen, befreit die Filmemacher unterm Deckmantel geschichtlicher Chronistenpflicht von jedem Aufklärungsdruck. Wer hielt Schwarze damals nicht für Wilde?

Heute hält man sie eher für bemitleidenswert bis niedlich. Christine Neubauer ist sich folglich nicht zu blöd, heute bereits zum dritten Mal die selbstlose Ärztin Katrin Berger zu spielen, umgeben von Ureinwohnern, die zwar keinen Fetzen westlicher Kleidung überm Baströckchen tragen, aber akzentfrei deutsch reden. Da wird Geld für ein Waisenhaus akquiriert, da grasen Zebras im Vorgarten, da sind die Ne …, pardon: Farbigen stets fröhlich dienstbar. Dabei grenzt der Respekt, den sie von zugereisten Philanthropen wie Neubauer erfahren, an Schönfärberei. Egal ob zu Zeiten, als der edle Wilde von Carl Hagenbeck ausgestellt wurde, oder jetzt, wo Afrika als hoffnungsloser Fall humanitärer Verrohung gilt, verklärt das Genre die Afrikaner zu Gleichberechtigten, auch wenn sie meist Tabletts halten oder Geister vertreiben. Für die deutsche Kolonialgeschichte bleibt da ebenso wenig Platz wie für positive Entwicklungen der Gegenwart. Afrika gibt es nur als Kontinent der Extreme oder Verliebten: im Drehbuch als Paradies mit Mängeln, im Reportageskript als Mangel im Paradies.

……

Der vollständige Artikel findet sich online unter
http://www.neues-deutschland.de/artikel/141037.maengel-im-paradies.html

Autor: Jan Freitag
»Mängel im Paradies« Kritische Anmerkungen zum Afrika-Bild im deutschen Fernsehen

Eingetragen unter:2.Community , , , ,

2 Responses

  1. Mssandra sagt:

    sehr guter Artikel. Nur bei der Wortwahl ist es wieder mal wichtig, die rassistischen Wörter auszuschreiben. schade.

  2. andreask9 sagt:

    ..immerhin verweist die Sueddeutsche heute auf den Ableger der malischen “Rencontres Africaines de la Photographie” in der Linienstrasse in Berlin, ich zitiere die SZ

    http://www.sueddeutsche.de/,ra4m1/kultur/683/452388/bilder/?img=0.0

    “Akindbode Akinbiyi, einer der Kuratoren der letzten Rencontres von Bamako, wählte nun für die ifa-Galerie in Berlin elf Künstler aus, deren Werke dokumentieren sollen, dass die afrikanische Bilderwelt weitaus mehr zu bieten hat als Exotik, Hungersnöte, Bürgerkriege und Epidemien.

    Akinbiyi konzipierte die Schau “Spot on . . . Bamako”, um den Reichtum der jungen afrikanischen Fotografie in Deutschland zu präsentieren und um gegen die Vermarktung Afrikas als “verrotteter Kontinent, der Hilfe von außen braucht” anzugehen. Und die Schau zeigt wahrlich ein in Europa weitgehend unbekanntes, modernes Afrikabild.”

    Man vergisst nur offenbar, darauf hinzuweisen, dass jenes ‘moderne Afrikabild’ wahrscheinlich vor allem deshalb in Europa unbekannt ist, weil niemand der ‘Diskursbestimmer’ hier jemals so ganz daran interessiert war, es zu vermitteln, ganz im Gegenteil, wie man oben sieht. Man gibt sich ‘positiv-ueberrascht’, ohne auf die Mechanismen zu verweisen, die dieses ‘ueberrascht-sein’ erklaeren.

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