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Literatur: Von Soliman zu Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich 17. bis 20. Jahrhundert

Mit einer systematischen historischen Aufarbeitung afrikanischer Migration in Österreich vom 17. bis zum 20. Jahrhundert wagt Walter Sauer, Wiener Sozialhistoriker, einen nach eigener Darstellung ambitionierten und kaum zuvor verwendeten Ansatz, der in einer Linie mit der jüngst etablierten Geschichtsschreibung afrikanischer Diaspora steht. Fachlich angesiedelt zwischen der Geschichte Afrikas und der Globalgeschichte gibt das Buch einen Einblick in die lange und bedeutungsvolle Tradition afrikanischer Migranten in Österreich und deren Verwurzelung innerhalb der österreichischen Gesellschaft. Es enttarnt historisch gewachsene abwertende Klischees gegen AfrikanerInnen und entkräftet unreflektiert übernommene stereotype Betrachtungsweisen. Erklärtes Ziel des Werkes ist es, durch die Analyse von Ursachen und Verläufen afrikanischer Migration nach Österreich und durch die Darstellung von Integrations- und Diskriminierungsmechanismen, ein besseres afrikabezogenes Verständnis im Österreich der Gegenwart zu erzeugen.

Der tragische Erstickungstod des Nigerianers Marcus Omofuma in Abschiebehaft im Mai 1999 ist sicher nur einer von vielen dramatischen Vorfällen im Umgang mit afrikanischen Migranten in behördlichem Gewahrsam im Österreich der Gegenwart. Er steht jedoch stellvertretend für Diskriminierung, Ausgrenzung und Alltagsrassismus, denen eine Mehrzahl afrikanischer Migranten nicht nur in Österreich nahezu schutzlos ausgeliefert ist. Dieser Erstickungstod ist symbolischer Ausgangspunkt für den von Walter Sauer herausgegebenen Sammelband. Er offeriert eine neuartige Herangehensweise an ein Phänomen, das von verschiedenster Seite bereits vielfach beschrieben und analysiert worden ist: an Fragen zu afrikanischer Migration und Integration in Europa.

Mit einer systematischen historischen Aufarbeitung afrikanischer Migration in Österreich vom 17. bis zum 20. Jahrhundert wagt Walter Sauer, Wiener Sozialhistoriker, einen nach eigener Darstellung ambitionierten und kaum zuvor verwendeten Ansatz, der in einer Linie mit der jüngst etablierten Geschichtsschreibung afrikanischer Diaspora steht. Fachlich angesiedelt zwischen der Geschichte Afrikas und der Globalgeschichte gibt das Buch einen Einblick in die lange und bedeutungsvolle Tradition afrikanischer Migranten in Österreich und deren Verwurzelung innerhalb der österreichischen Gesellschaft. Es enttarnt historisch gewachsene abwertende Klischees gegen AfrikanerInnen und entkräftet unreflektiert übernommene stereotype Betrachtungsweisen. Erklärtes Ziel des Werkes ist es, durch die Analyse von Ursachen und Verläufen afrikanischer Migration nach Österreich und durch die Darstellung von Integrations- und Diskriminierungsmechanismen, ein besseres afrikabezogenes Verständnis im Österreich der Gegenwart zu erzeugen (S. 12).

Bemerkenswert an diesem Sammelband ist die Vielfalt der Quellen, die in die einzelnen Beiträge eingegangen sind. Alle Arbeiten stützen sich auf bisher nicht veröffentlichtes Quellenmaterial. Der Aufbau des Werkes ist dadurch gekennzeichnet, dass die einzelnen themenspezifischen, grob chronologisch aufgereihten Kapitel durch ein- bis zweiseitige zeitgenössische Quellen aus dem Leben von AfrikanerInnen in Österreich getrennt werden; sie leiten jeweils eine neue zeitliche Periode ein.

Den Auftakt der sieben thematischen Kapitel bildet der von Walter Sauer und Andreas Wiesböck verfasste Überblick über die Wiener „Mohren“ des 17. und 18. Jahrhunderts als Sklaven, Freie und Fremde. Ihr Dasein in Österreich steht zum einen in Verbindung mit dem südeuropäischen Sklavenhandel, zum anderen als „Beutetürken“ mit dem Konflikt zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich.

Nach der Eröffnung des Buches mit dem Fall Omofuma findet sich im folgenden Aufsatz das zweite Element des Buchtitels wieder. Walter Sauer thematisiert den viel beforschten „Hofmohren“ Angelo Soliman, der im Wien des 18. Jahrhunderts gelebt hat und Anlass zu vielerlei Spekulation gegeben hat. Sauer präsentiert neues Datenmaterial, insbesondere zu dessen Tod und dem Umgang mit seiner Leiche, die im Hof-Naturalienkabinett unter bis heute nicht genau geklärten Umständen präpariert worden ist. Die Ausstellung des Leichnams zu vermeintlich wissenschaftlichen Zwecken ging einher mit Stereotypisierung und rassistischer Argumentation.

Zur Funktionalisierung von AfrikanerInnen im 19. Jahrhundert schreibt Christine Sulzbacher im Kapitel „Beten-Dienen-Unterhalten“. Sie eröffnet Einblicke in die eingeschränkten Lebensverhältnisse und (Arbeits-) Möglichkeiten von AfrikanerInnen durch die Kategorisierung in „Dienerschaft“ oder „Unterhaltungsbranche“.

Einem bisher gar nicht erforschten Bereich widmet sich Marcel Chacrour in seinem Beitrag „Vom Morgenhauch aufstrebender Cultur umweht“. Für die Zeit ab 1820 bis 1945 weist er eine studentische Migration aus Ägypten nach Österreich nach.

Der Text von Herwig Czech „Vorwiegend negerische Rassenmerkmale“ befasst sich mit der Situation von AfrikanerInnen und „Mischlingen“ im NS-Regime und dessen rassistischer Terminologie. Es existieren nur wenige Nachweise über dieses düstere Kapitel des 20. Jahrhunderts und so skizziert Czech die Erniedrigungen und Diskriminierungen durch das Regime vor allem anhand von Zeitzeugenberichten. Der Öffentlichkeit ist der Fakt nahezu unbekannt, dass zu den Verfolgten in Österreich auch Personen afrikanischer Abstammung gehörten, dass auch Kinder als „Mischlinge“ klassifiziert worden sind.

Ebenfalls wenig dokumentiert ist die Anwesenheit marokkanischer Soldaten in Vorarlberg im Zuge der französischen Besatzung. Mit Methoden der oral history nähert sich Hamid Lechhab diesem stark tabuisierten Thema „Marokkanische Besatzungskinder in Vorarlberg nach 1945“ und beleuchtet insbesondere die psychischen Belastungen und Identitätskrisen der Frauen und Kinder aus diesen Beziehungen.

Walter Sauer schließt die thematischen Kapitel des Bandes mit einem Überblick über „Afro-österreichische Diaspora heute. Migration und Integration in der 2. Republik“. Der Aufsatz thematisiert sowohl Alltagsdiskriminierungen und rassistische Vorurteile, denen die visible schwarze Minderheit ausgesetzt ist – beispielhaft seien Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt (und in deren Folge Schattenwirtschaft und Armut) oder aber Diskriminierung im öffentlichen Sprachgebrauch genannt. Er erzählt jedoch auch von lebhafter Vereinstätigkeit, afrikanischem Unternehmertum, journalistischen Tätigkeiten afrikanischer Migranten und einer sich entwickelnden afrikanischen Kunst- und Kulturszene.

Durch den Abdruck der Ansprache eines weiteren Vertreters der gegenwärtigen afrikanischen Diaspora in Österreich, Rasheed Akinyemi, anlässlich der Protest- und Trauerkundgebung für den verstorbenen Marcus Omofuma, wird der zu Beginn des Sammelbandes aufgemachte Bogen geschlossen. Damit endet der Band nicht mit einem zusammenfassenden Ausblick oder einem Appell des Herausgebers, sondern mit einem düsteren Tatsachenbericht aus dem aktuellen Zeitgeschehen.

Kritisch anzumerken ist die nicht stringent verwendete Begrifflichkeit „afrikanische Diaspora“. Mit diesem Terminus werden in den Beiträgen überwiegend aus Afrika stammende Migranten bezeichnet. Teilweise ist jedoch Visibilität, das Schwarzsein, dasjenige Merkmal, nach welchem die Zuordnung zu dieser Diaspora erfolgt, es werden zum Beispiel auch Belege afro-amerikanischer oder asiatischer Migranten in Österreich angebracht.

Dieser Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag für die Erhellung einer wenig bekannten langen Geschichte von AfrikanerInnen in Österreich und ist in Herangehensweise und Ergebnissen für Österreich neu- und einzigartig. Er kann als Argumentationsgrundlage zur Entkräftung von rassistischen Vorurteilen bzw. von Alleingültigkeitsansprüchen eines „weißen-osmanischen“ Österreichs dienen, ermöglicht Perspektivenwechsel und klärt auf über bisher nicht wahrgenommene, aber existente Elemente österreichischer Geschichte. Die Aufarbeitung jener historischen Tatsachen ist beachtlich und verdient allein schon besondere Wertschätzung.

Es stellt sich dennoch die Frage, was historische Analyse für die Bewältigung aktueller Probleme tatsächlich ausrichten kann? Ja, Geschichte bringt Licht in vorher verleumdete Ereignisse, stellt Ursachen und Verläufe gegenwärtiger Herausforderungen dar. Aber wer gehört zum Adressatenkreis dieses Buches? Wenn es auch der Anspruch des Werkes ist, Verständnis und eine afrikabezogene Sensibilität zu erzeugen, dann doch durch dieses Buch gewiss nur bei einem Publikum, das ohnehin für das Thema bereits sensibilisiert ist. Ich möchte daher bezweifeln, dass der Wirkungsradius des Buches diejenigen Kreise erreicht, die diese Art von Sensibilisierung am nötigsten hätten.

Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack und die pessimistisch angehauchte Erkenntnis des letzten Satzes auf dem Buchrücken: „Wenigen gelungenen Beispielen von Integration steht eine Geschichte des Rassismus und der Diskriminierung gegenüber.“

eStefanie Müller: Rezension zu: Sauer, Walter (Hrsg.): Von Soliman zu Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich 17. bis 20. Jahrhundert. Innsbruck 2007. In: H-Soz-u-Kult, 19.03.2008, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-218

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Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Stefanie Müller, Universität Leipzig
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Titel: Von Soliman zu Omofuma. Afrikanische Diaspora in Österreich 17. bis 20. Jahrhundert
Herausgeber: Sauer, Walter
Ort: Innsbruck
Verlag: StudienVerlag
Jahr: 2007
ISBN: 3-7065-4057-5
Umfang/Preis: 269 S.; € 29,90

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