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Literatur: Puschkins Urgroßvater – „Der Mohr des Zaren“ von Hugh Barnes

hugesbarnesDer russische Dichter Alexander Puschkin (1799-1837) war der Urenkel eines Afrikaners. Um seine Herkunft ranken sich Mythen und Legenden. Die biographischen Zeugnisse sind lückenhaft und voller Widersprüche. Hugh Barnes folgt den Spuren des angeblichen Prinzen aus Abessinien, der als Sklave nach St. Petersburg kam und zum hochrangigen Militär, Diplomaten und Gelehrten aufstieg:

Der große russische Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) war Nachkomme eines afrikanischen Sklaven. Viele Legenden und Geschichten ranken sich um diese Tatsache. Mehr Schmach als Ehre, mehr Missachtung als Anerkennung, mehr rassistische Angriffe als Freundschaft musste Puschkin dadurch erleiden.

Die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft geht der russische Nationaldichter nur zögerlich an. Die Erzählung „Der Mohr Peter des Großen. Der Mohr des Zaren“ beginnt er 1827, vollendet sie jedoch nicht. ach sechseinhalb Kapiteln kapituliert er vor der schwierigen Suche nach den Quellen und dem offensichtlichen Problem, dass die Geschichte seines Urgroßvaters Abram Petrowitsch Gannibal (1696-1781) im Laufe der Zeit verfälscht wurde und er eine „wahre“ Begebenheit nicht schreiben könne.

Der in London 1963 geborene Hugh Barnes, Korrespondent für die Agence France Press in Moskau, Mitarbeiter der Sunday Times und Journalist, hat sich 2001 daran gemacht, ein „missing link“ zu finden, ein fehlendes Glied zwischen einer Erzählung und einer wahren Geschichte über den Vorfahren Puschkins. Daraus ist ein spannendes, umfangreiches Buch entstanden über die Lebensreise Gannibals, der vermutlich 1696 irgendwo in den Abessinischen Bergen geboren und 1703 als Sklave nach Istanbul verschleppt wurde.

Ein Jahr später kam er als ein Geschenk für Zar Peter I. (1672-1725) nach Moskau. Sein ereignisreiches Leben, von seiner Taufe als Christ, vom Günstling des Zaren, über zahlreiche Missionen und Aufträge als Diplomat, den zwei Eheschließungen, der Geburt seiner Kinder, darunter auch von Osip, Puschkins Großvater, seinen Aufenthalt in Paris, seiner Teilnahme an mehreren Feldzügen der Zaren, bis hin zu den Auseinandersetzungen mit seinen Neidern und Widersachern und schließlich sein Tod im Frühjahr 1781 auf seinem Gut Suida bei Petersburg werden in Hugh Barnes Erzählung eingebettet in die Zeitläufe und verbunden mit den Erfahrungen des Journalisten im Russland des 21. Jahrhunderts, als Kriegskorrespondent in Afghanistan, Äthiopien und Eritrea. Barnes Erzählstil ist orientiert an den geschichtlichen Verläufen und seinen eigenen Erfahrungen. Seinem Anspruch, die Lebensreise Gannibals zu erzählen und ihr in den geschichtlichen Abläufen zu folgen, wird er dabei gerecht.

Barnes beginnt seine Geschichte mit der gesellschaftlichen Niederlage Gannibals. Während Zar Peter III. (1728-1762) am 9. Juni 1762 in dem gerade vom italienischen Architekten Francesco Bartolomeo Rastrelli in Petersburg errichteten prunkvollen Winterpalais die Unterzeichnung des Friedensvertrages mit dem König von Preußen feierte und alles, was in Russland Rang und Namen hatte, dabei war, erhielt der bis dahin zum Generaloberkommandierenden und Großgrundbesitzer aufgestiegene „Sohn des Zaren“ seine Abschiedsurkunde. Gannibal empfand dies so, dass er „davon gejagt“ wurde.

Immer wieder musste er sich mit seinen Widersachern auseinandersetzen, die auch vor Intrigen und rassistischen Angriffen gegen ihn nicht zurück schreckten. An jenem Abend in der Hauptstadt Russlands, Petersburg, schienen sie ihr Ziel endlich erreicht zu haben. Sein Name, der an die historische Person „Hannibal“ erinnern sollte, geriet deshalb zu einem „G“ und nicht zu einem „H“ als Anfangsbuchstabe, weil es in der kyrillischen Sprache kein „H“ gibt. Vielleicht ist dies ein Zeichen für Gannibals Lebensweg vom Sklavenjungen über einen mächtigen und einflussreichen Günstling des Zaren, bis hin zu einem scheinbar zufriedenen Leben als Landedelmann in Michailowskoje. Puschkin drückte dies in einem Gedicht so aus:

… wo Peters an Sohnes statt angenommenes Kind,

der Sklave, den Zaren und Zarinnen einst geliebt,

der ganz in Vergessenheit Geratene, der ehemals bei ihnen lebte,

mein Ahne, der schwarze Mohr, sich verbarg…

im Schatten von Lindenhainen an kühlen Sommertagen

an sein fernes Afrika nun dachte.

Puschkins Versuche, die Befindlichkeiten seines Urgroßvaters, seine Motive und die tatsächlichen Ereignisse zur Zeit von Katharinas (1729-1796) Herrschaft, zu ergründen – etwa durch die zahlreichen Besuche auf Gannibals Gut Suida, beschäftigt mit Quellensuche und detektivischen Nachforschungen – hatten nur bedingt und nach heutigen historischen Forschungen fehlgeleitete Erfolge. Er fand Unterlagen, die Gannibals Schwiegersohn Adam Karpowitsch Rotkirkh, ein gebürtiger Este, als Biographie seines Schwiegervaters geschrieben hatte.

Diese auf Deutsch verfassten Papiere wimmeln offensichtlich nur so von absurd-fantastischen Erfindungen; etwa der, dass Gannibal ein direkter Nachfahre seines karthagischen, antiken Namensvetters sei. Die Angriffe auf Puschkin durch seine Gegner und Widersacher enthielten immer auch die versteckten und auch direkt geäußerten, rassistischen Beschimpfungen, dass der Dichter ein „Neger“ sei. Gannibal litt Zeit seines Lebens unter diesen Diskriminierungen.

Seine dunkle Hautfarbe betrachtete er als „Abzeichen der Hölle“; und in einem Brief an seinen Freund Tscherkassow vom 8. April 1745 schrieb er: „Ich wünschte nur, jedermann sonst wäre wie ich: gewissenhaft und redlich… von meiner Schwärze abgesehen“. Obwohl in anderen Quellenmaterialien der Zuschreibung als „arap“, was im Russischen „Mohr“ bedeutet und „negr“, widersprochen wurde. „Gannibal war kein „Neger“. Er war ein Abessinier. Er besaß regelmäßige Gesichtszüge, ein längliches und straffes Gesicht mit einem „grausamen, aber intelligenten Ausdruck“. Auch Puschkin wurde immer wieder mit diesen Zuschreibungen konfrontiert.

Die Legende, dass Gannibal von königlicher Abstammung gewesen sei, „ein abessinischer Prinz“, zog sich über die Jahrhunderte hin, füllte Reiseberichte und inspirierte Erzählungen, dass sein Vater als König eines großen Reiches am Nil geherrscht habe, er als Kind von dort verschleppt und als Sklave verkauft worden war. Puschkin ging Zeit seines Lebens auf Distanz zu diesen Gerüchten.

Hugh Barnes kommt zu dem Ergebnis: „Gannibals Äthiopien ist eine Fata Morgana“. Die zahlreichen Vermutungen, geschichtlichen Auslegungen und phantasievollen Erzählungen, bis hin zu den Schilderungen eines Leo Africanus, der 1526 den Sklavenhandel im zentralafrikanischen Bornu beschrieb, lassen es, nach Barnes, durchaus als möglich scheinen, dass Gannibal irgendwo im Gebiet der tschadischen Flüsse Logone und Chari, eine der damaligen Hochburgen des Haussa-Sklavenhandels, geboren wurde.

1742 nämlich richtete Gannibal an Kaiserin Elisabeth (1709-1761) ein Gesuch, ihn in den Adelsstand zu erheben und ihm zu erlauben, ein Familienwappen zu führen, das er auch gleich als Entwurf beifügte: Darin ein Elefant und das geheimnisvolle Wort FUMMO. Erläuternd fügte er hinzu: „Ich wurde in dem Land geboren, über das mein Vater herrschte, in der Stadt Lagone…“. Bei seiner Quellensuche, die er aus den Berichten des englischen Forschungsreisenden Dixon Denham, von Heinrich Barth, Gustav Nachtigal und anderen entnimmt, findet Hugh Barnes jedoch keine Hinweise auf den Begriff FUMMO; bis er als Kriegsberichterstatter in der zentralafrikanischen Unruheregion um Darfur mit dem amtierenden Sultan von Logone, Muhammad Bahar Maruf, zusammen kommt und im Gespräch das Wort „Fúmmo“ fällt. „Fu-móh“, erwidert der Sultan, wobei er die zweite Silbe betont. Das sei ein Kotoko-Wort und bedeute „Heimatland“.

Dieses Beispiel eignet sich ausgezeichnet dazu, um Barnes Zusammenspiel der Auswertung von Geschichtsdaten, eigenen Erlebnissen und Erzählung zu charakterisieren. Geradezu pittoresk gerät die Spurensuche dadurch, dass er darin Puschkins Versuche beschreibt, die Persönlichkeit seines Urgroßvaters in seinen Werken wieder aufleben zu lassen, etwa in „Eugen Onegin“, in seinen Gedichten und Anekdoten, als „Weiser fast in seiner Öde“ oder als „alter Neger“.

Die tragische, aber auch in den Recherchen von Hugh Barnes aufleuchtende ganz alltägliche Geschichte von Puschkins Urgroßvater, dem „Mohren des Zaren“, vermischt sich auf eigenartige Weise mit der von Russlands Nationaldichter. Es war nicht zuletzt die Schuld polemischer, gezielt von seinen Widersachern verbreiteter Angriffe auf seine Herkunft, dass Puschkin an den Folgen eines Duells am 29. Januar 1837 starb.

Der Journalist und Russlandexperte Hugh Barnes hat ein faszinierendes Buch vorgelegt, das ohne Zweifel einen herausgehobenen Stellplatz in der historischen Literatur finden wird. Die im Anhang abgedruckten Stammbäume von Gannibal und seiner Familie, sowie der Romanow-Dynastie, die parallel angelegten Zeittafeln der politischen Ereignisse jener Zeit und der Ereignisse im Leben des Abram Petrowitsch Gannibal und die zahlreichen Literaturhinweise sind zusätzliche Informationen, die das Buch zu einem Ereignis machen.

 

“Eine erhellende, glänzend geschriebene Biographie, die überzeugend darstellt, dass Puschkins Urgroßvater einer der ungewöhnlichsten und beeindruckendsten Charaktere im Russland des 18. Jahrhunderts war.”
Sunday Times
“Die Geschichte Gannibals liest sich wie eine Parabel der Aufklärung: Denn Barnes legt sehr glaubwürdig dar, wie aus dem einstigen Sklaven das Modell des ‘neuen Menschen’ wurde, mit dem Peter der Große im 18. Jahrhundert ein modernes Russland aufbauen wollte.”
Times Literary Supplement
“Ein eindrucksvolles, brillant geschriebenes und sehr mitreißendes Buch.”
Literary Review
“Hugh Barnes schreibt mit großer Verve und riesigem Wissen. Ihm ist es gelungen, die Person Gannibals zum Leben zu erwecken – eine bemerkenswerte Leistung.”
Independent
“Diese Biographie des russischen Othello eröffnet dem Leser faszinierend neue Einblicke in das Russland des 18. Jahrhundert.”
Economist
“Hugh Barnes ist durch drei Kontinente gereist, um überall Anhaltspunkte über Gannibals rätselhaftes Schicksal zu sammeln. Das Ergebnis ist ein höchst lebendiges Porträt eines Außenseiters, der in seinem Adoptivland Russland unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.”
BBC History

Dr. Jos Schnurer (Jg. 1934) ist Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim.

Von DR. JOS SCHNURER – © Die Berliner Literaturkritik, 28.11.07

Literaturangaben:
BARNES, HUGH: Der Mohr des Zaren. Eine Spurensuche. Aus dem Englischen von Michael Müller. Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen. Knaus Verlag, München 2007. 432 S., geb., 19,95 €.
Verlag

http://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Petrowitsch_Hannibal

http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=16318

Auzug /Leseprobe

http://www.randomhouse.de/dynamicspecials/biographie_0710/mohrdeszaren_leseprobe.pdf

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